Die Opfer sind nicht zufällig Frauen

von Eydeetin

Was ist das größte Gesundheitsrisiko für Frauen weltweit? AIDS? Krebs? Mit Schwangerschaften zusammenhängende Krankheiten?

Nein.

Gewalt!

Die World Health Organisation (WHO) spricht von einem  “global health problem of epidemic proportions.“

Dabei ist der häufigste Täter der Partner oder Ex-Partner der betroffenen Frau. Jede dritte Frau hat bereits mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch einen (Ex-)Partner erfahren. In Deutschland ist es laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend jede vierte Frau (25%).

Insgesamt haben 40% aller Frauen in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt. Das ist fast jede Zweite Frau.

Ähnlich dramatisch sind die Zahlen der in Deutschland ermordeten Frauen. Im Schnitt wird in Deutschland alle drei Tage eine Frau von ihrem (Ex-) Partner ermordet.

Damit werden dreimal so viele Frauen von ihren (Ex-)Partnern ermordet wie Männer durch ihre (Ex-) Partnerinnen[1]. Diese Mordopfer sind nicht zufällig Frauen. Sie werden genau deshalb ermordet, weil sie Frauen sind. Weil unser patriarchales Gesellschaftssystem Frauen systematisch entwertet und damit auch ihr Leben weniger Wert ist. Weil dieses Gesellschaftssystem Männer zu Gewalt erzieht. Weil Ehre und Besitztum in Beziehungen noch immer eine Rolle spielen. Und auch weil die systematische Gewalt gesellschaftlich nicht thematisiert wird.

In der internationalen und wissenschaftlichen Debatte werden Morde, die an Frauen auf Grund ihres Geschlechts verübt werden, als Femizid bezeichnet. Manche Länder wie z.B. Mexiko und Argentinien erfassen Femizide als solche und können so Angaben zum Ausmaß des Problems geben und entsprechende Konsequenzen ziehen. In Deutschland werden Femizide nicht erfasst. Die Linkspartei wollte den auch von der WHO verwendeten Begriff nun in die deutsche Debatte einführen. Die Bundesregierung hat dies zurückgewissen. Der Begriff sei nicht klar genug konturiert. Femizide können also als solche nicht vom statistischen Bundesamt oder der Polizei erfasst werden und es erscheint so, als wären die Opfer zufällig Frauen. Somit werden die Hintergründe der Gewalt nicht erfasst und nicht verstanden. Folglich kann es auch keine präventiven Maßnahmen geben, um die Zahl an Femiziden in Deutschland zu verringern. In den Zeitungen werden diese Morde meist als „Beziehungstaten“, „Eifersuchtstaten“ oder „Familientragödien“  bezeichnet. Dies verschweigt den frauenfeindlichen Charakter und die gesellschaftliche Systematik dieser Gewalt und bagatellisiert die einzelnen Taten.

Das größte Gesundheitsrisiko für Frauen muss effektiv bekämpft und erforscht werden, wie man auch jede Krankheit, die ein solch großes Gesundheitsrisiko für Menschen darstellt, bekämpfen würde. Dazu gehört, dass nicht länger weggesehen wird und Gewalt gegen Frauen auch als solche bezeichnet und erfasst wird!

 

 

 

Quellen:

 

World Health Organisation. Violence against women (2017). URL:http://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/violence-against-women. Stand 03.09.2018

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. URL:

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf. Stand 03.09.2018

Oestreich: Es nennt sich Femizid. In: Taz vom 02.09.2018. URL: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5529757&s=femizid/. Stand 03.09.2018

 

[1] Gewalt in homosexuellen Beziehungen sie hier einmal außen vor gelassen, da es um die Gewalt von Männern gegen Frauen geht.

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8 Kommentare zu „Die Opfer sind nicht zufällig Frauen“

  1. Klar man kann es so sexistisch angehen. Dann muss man aber vor allem etwas gegen die Gewalt gegen Männer unternehmen. Es werden „nur“ 420 Frauen getötet und 600 Männer. Männer sind also viel stärker das Opfer von Gewalt.
    Ich bin eher dafür jeden Menschen vor Gewalt zu schützen und nicht nur Frauen. Der Artikel ist eben schon sehr davon getrieben selektiv und verzerrt zu argumentieren. Schon im Eingang wird suggeriert, dass Gewalt gegenüber anderen Ursachen überwiegt. Natürlich völliger Quatsch. Den 420 Gewaltopfern in Deutschland stehen 11000 Unfalltote und 98000 Tote durch Krebs gegenüber. 22000 Frauen sterben an Problemen der Verdauungsorgane. 2500 Frauen töten sich selbst pro Jahr in Deutschland. Alkohol und Rauchen tötet viel mehr Frauen als die hier als besonders gefährlich herausgestellten Männer.
    Außerdem, nenne mir einen ‚Mann der noch nie körperliche Gewalt erfahren hat. Da liegt die Quote garantiert weit über 25% . Neben den ganzen Frauenhäusern und Unterstützung für Frauen gibt es so gut wie keine Hilfe für Männer.

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    1. Hallo Gripseljagd,
      ja auch Männer werden Opfer von Gewalt. (Bei deinen angeführten Zahlen setzten Sie allerdings Gewalt mit Ermordung gleich). Männer werden häufiger Opfer von direkter körperlicher Gewalt im öffentlichen Raum. Frauen werden häufiger Opfer von verschiedensten Formen von Gewalt im öffentlichen Raum (übergriffiges Verhalten, angefasst werden, verbale Gewalt etc.) Frauen werden zudem viel häufiger als Männer Opfer von häuslicher Gewalt. Es erscheint nicht sehr sinnvoll die quantitativen Verhältnisse hier genau aufzudrösseln, weil es sich eben um andere Formen von Gewalt handelt, in unterschiedlichen Machtkonstellationen und aus unterschiedlichen Motiven. Genau das soll der Begriff Femizid (in Bezug auf Tötungen, nicht auf Gewalt) deutlich machen.
      Unabhängig dessen wer die Opfer dieser Gewalt sind, zeigt ein Blick auf die Täter, dass diese überwiegend Männer sind. Und das hat System. Dass Männer in unserer Gesellschaft zu Gewalt erzogen werden, sowohl gegen Männer, die sie aber noch als gleichwertige Konkurrenten wahrnehmen, als auch gegen Frauen, die auf Grund systematischer Abwertung Opfer dieser Gewalt werden. Dabei geht es nicht darum zu sagen, Männer seien irgendwie bößer als Frauen oder so was, sondern klar zu machen dass die gesellschafltichen Umstände in einer patriarchialen Gesellschaft Männern einerseits mehr Macht verleihen und ihnen andererseits Gewalt als ein Mittel dieser Machtausübung zugeschrieben und teilweise auch gebilligt bzw. verharmlost wird. Dies wird auch unter dem Begriff toxic masculinity gefasst. Darunter welche Formen von Männlichkeit in unserer Gesellschaft als „normal“ angesehen wird, leiden deswegen Männer und Frauen. Aber so wie die Opfer nicht zufällig Frauen sind die Täter auch nicht zufällig Männer.

      Zu meiner Eingangsaussage, dass Gewalt das größte Gesundheitsrisiko für Frauen sei, die Sie als „völligen Quatsch“ bezeichnen: Diese Aussage bezieht sich einerseits nicht nur auf Todesfälle und andererseits nicht nur auf Deutschland. Die von Ihnen dann aufgeführten Zahlen haben also mit der eigentlichen Aussage nichts zu tun. Diese bezieht sich auf eine Studie der WHO von 2013 (URL: http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2013/violence_against_women_20130620/en/) und auf Stokowski 2017, S. 198.

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      1. Ich finde dort keinen Hinweis, dass Krebs oder andere Krankheiten unbedeutend sind gegenüber Krankheiten durch Gewalt.
        Außerdem, ist Gewalt in der Partnerschaft nicht ein Problem, Mann gegen Frau, sondern von den Machtverhältnissen abhängig. Da diese meist dieses Mann Frau Gefälle hat, ist deshalb die Gewalt Mann gegen Frau das „normale“ statistisch (mathematisch) gesehen. Aber wenn man genau hinschaut…Wenn Frauen den dominanten Part geben, sind sie mindestens so gewalttätig gegen Männer mit einer extremen Dunkelziffer. Etwa 4% der Beziehungen bei uns sind nicht hetero Beziehungen. Diese LGBT Beziehungen stellen aber 13% der Gesamtheit der Morde. LGBT Beziehungen sind also 4 mal so Gewalttätig wie Heteros. Das sind Frauen gegen Frauen. Das Problem ist also, das Gewalt passiert in Partnerschaften weil es so extrem persönlich wird, wenn dort etwas nicht rund läuft. Das liegt aber nicht daran weil es Männer sind, sondern sie sind nur deshalb häufiger Täter, weil es statistisch die häufigste Partnerschaftsform ist. Das macht nichts besser und ich will es nicht verteidigen aber Lösungsansätze sollten dieses berücksichtigen. Frauen als Opfer ist nicht der richtige Ansatz, da dieses in den Beziehungen nur eine statistische Verzerrung darstellt. Vermutlich wird man diese Rosenkriegsgewalt sowieso nie verhindern können solange wir uns nicht von diesem monogamie Quatsch trennen und „Besitzansprüche“ haben.
        Nur mal am Rand. 2/3 der Kindsmorde werden durch Frauen verübt. Bei Kindern unter einem Jahr sogar 80%.

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      2. Damit dies nicht in eine endlose Disskussion ausartet, antworte ich nun nur auf die Dinge, die etwas mit meinem ursprünglichen Beitrag zu tun haben. Dazu zählen Kindsmorde nicht, hier geht es um ein völlig anderes Machtverhältnis. Auch über homosexuelle Beziehungen habe ich explizit nicht geschrieben.
        Nach Ihren Angaben sind 96% aller Beziehungen in Deutschland heterosexuell und in diesen geht tendenziell Gewalt von Männern gegen Frauen aus. Genau mein Punkt! Das dies auch etwas mit Besitzansprüchen zu tun hat, ist klar und das schreibe ich auch in meinem Blogeintrag explizit. Aber es ist nun einmal so dass diese 96% der Beziehungen in patriarchiale Verhältnisse eingebunden sind und es deswegen nicht zufällig ist, dass in diesen Gewalt von Männern an ihren Partnerinnen verübt wird. Das Gewalt auch in homosexuellen Beziehungen vorkommt widerspricht dem nicht. Diese Gewalt hat andere Gründe (die Sie ja mit der Intimität und Besitzansprüchen ansprechen). Die Gewalt von Männern gegen Frauen in hetero-Beziehungen ist aber auch in der latenten Frauenfeindlichkeit unserer Gesellschaft begründet und richtet sich in diesen Beziehungen eben nicht von Frauen gegen Männern (außer in sehr wenigen Ausnahmefällen). Sie schreiben Frauen wären genauso gewaltätig wie Männer, wenn sie den dominanten Part in einer Beziehung einnehmen würden. Das mag sein, aber in unserer patriarchialen Gesellschaft nehmen sie eben nicht den dominaten Part ein, sondenr Männer nehmen diesen ein. Und folglich ist Gewalt von Männern gegen Frauen in Beziehungen ein reales Problem, das mit einer gesamtgesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen einhergeht und kausal mit dieser zusammenhängt.

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      3. Ich sehe keine Frauenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft wie kommt man auf so etwas? Wie ich schon dargelegt habe, es ist einzig und alleine vom Machtgefälle in der Beziehung abhängig und nicht vom Geschlecht. Männer sind da nicht besser oder schlechter als Frauen. Wenn hier nur Männer davon losgelöst als Täter benannt werden, ist das nur Männerfeindlich und sexistisch. Wenn müsste man es völlig vom Geschlecht abkoppeln und nur vom dominanten Partner sprechen. In unserer Gesellschaft sucht sich jeder seinen Partner selbst aus.

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  2. Hmmmh, …
    es fällt mir schwer, Eydeetin zu widersprechen. Weltweit mag „Gewalt“ das größte Gesundheitsrisiko sein und es scheint genug Gesellschaften zu geben, in denen eine Frau in der Summe schwerwiegende Nachteile erfährt, weil sie eine Frau ist.
    Aber in diesem Artikel scheint mir das Ergebnis am Anfang festzustehen („Die Opfer sind […] Frauen“), und dann der bogen auch auf Deutschland zugeschnitten zu werden. Ein Problem scheint mir hier zu sein, dass die AutorIn die „bedingte Wahrscheinlichkeit“ erst suggeriert und dann falsch interpretiert [dass leider in der überwiegenden Mehrzahl von Zeitungsartikeln und oft genug in wissenschaftlichen Artikeln vorkommt]:
    A. [Es gibt ] Frauen [, die] Opfer von Gewalt [sind]. [Diese Aussage ist zweifelsohne richtig]
    B. Frauen sind Opfer überwiegend Opfer männlicher Gewalt. [Diese Aussage scheint auch zu stimmen, nach allem, was ich an Daten dazu finde.]
    C. Es gibt in einigen Ländern „Morde, die an Frauen auf Grund ihres Geschlechts verübt werden“ (Femizide). [Auch diese wird es geben; bei 7 Mrd. Menschen weltweit verüben einige Menschen vieles, was andere Menschen komplett verurteilen.]
    [Jetzt kommt die (implizite?) Schlussfolgerung:]
    D. Deshalb ist die Gruppe der „Männer“ eine „Tätergruppe“, die Gruppe der „Frauen“ eine „Opfergruppe“ (systematisch).

    Hier liegen sozialwissenschaftlich mehrere Fehler [1] vor, die deswegen interessant sind, weil sie so oft wiederholt werden:
    1. Als erstes unterscheidet Eydeetin nicht zwischen Formen der Gewalt, erst ist es allgemein ein „Gesundheitsrisiko“, dann ist die körperliche G. explizit genannt, dann werden Morde (Femizide) erwähnt. Wie „underfrossthatschtarkgebrent“ am 04.09.18 um 10:27 anmerkt, sind dies verschiedene Formen; somit werden sie auch in unterschiedlichem Maße angewandt und sollten aufgrund der Auswirkungen gesondert betrachtet werden. Auf dieser Basis ist weder die Täter (Wer übt eine bestimmte Form der Gewalt aus?) noch der Opferin (Wer ist Betroffen?) von „Gewalt als Gesamtmenge“ genau bestimmbar.
    Als Beispiele sollen hier einige Formen der Gewalt aufgezählt werden: körperliche Gewalt; verbale Gewalt; psychische Gewalt; Gewalt zwischen Privatpersonen; Gewalt zwischen Geschäftspartnern (zur Durchsetzung von Geschäftsinteressen, meisten von Geschäften, die die Staatsgewalt verbietet); Gewalt zur Durchsetzung staatlicher Interessen (Wehrdienst & Kriegsdient zwischen Staaten; polizeiliche Gewalt im Inneren; Erziehungsgewalt in der Schule zur Erziehung von Kindern im Interesse des Staates); strukturelle (aber durchaus legale!) Gewalt in Firmen zur Durchsetzung der Firmeninteressen (auch „Hierarchie“ genannt: Chef kann Untergebenem befehlen, der muss gehorchen, da er sonst sein Einkommen und damit seinen Lebensunterhalt verliert); Gewalt in Familien zur Durchsetzung von Familieninteressen (manche davon in unserer Gesellschaft illegal, manche durchaus legale Über- und Unterordnung, ebenso „Hierarchien“ genannt).

    2. Jetzt kommt der Kern der bedingten Wahrscheinlichkeit: Eine Kausalität („Mann ist Täter“ → übt Gewalt aus gegen → „Frau ist Opfer“) kann nur existieren, wenn mindestens auch eine Korrelation besteht: 2.1 Die überwiegende Anzahl der Mitglieder „Gruppe der Männer“ (kurz: Männer) üben Gewalt aus, 2.2 dies tun sie überwiegend gegen Mitglieder aus der „Gruppe der Frauen“ (kurz: Frauen) und 2.3 die überwiegende Anzahl der Frauen sind Opfer von Gewalt.
    Als nächstes muss gezeigt werden, dass 2.4 die Eigenschaft „Mann“ eine höhere Wahrscheinlichkeit bedingt, Täter zu sein als die Eigenschaft „Mensch“ (Gesamtheit aller Männer und Frauen) (= Männer sind überdurchschnittlich oft Täter) und als letztes, dass gilt 2.5 „Frauen sind überdurchschnittlich oft Opfer“. (Wenn 2.4 und 2.5 nicht stimmen, dann „schmelzen“ die beiden Gruppen „Männer“ und „Frauen“ zur Gruppe „Menschen“ zusammen und dann bleibt nur die Aussage „Menschen (als Täter) üben Gewalt aus gegen Menschen (als Opfer)“. Damit wäre aber der Artikel widerlegt.
    Dazu:
    2.4 „Männer sind Täter“ ist (meiner Ansicht nach) die gesichertste Aussage: Männer üben überdurchschnittlich oft offensichtliche Gewalt aus: körperliche, nach außen wirkende, offensichtliche, aggressive. Aber: Männer sind sehr häufig auch Opfer von Gewalt (somit scheint mir die Aussage 2.2 falsch zu sein). Beispiel: Fast alle Soldaten, die in Kriegen fallen, sind männlich. Nimmt man an, dass in einem Krieg 1000 Soldaten (95% Männer) und 1000 Zivilisten (50% Männer / 50% Frauen) sterben, dann sind 72,5% der Toten = Opfer von Gewalt Männer. Um überhaupt nur auf 50% / 50% Opfer zu kommen, müssen a) unter den Zivilisten eine sehr hohe Frauenquote sein (vielleicht, weil so viele Männer zu Kriegsdienst gezwungen werden?) UND viel mehr Zivilisten als Soldaten sein.
    Opfer von körperlichen Gewalt im „Zivilleben“ sind sehr häufig Männer, gesicherte Zahlen, wer „gewinnt“, habe ich nicht gefunden (zu viele sich widersprechende Daten …); somit lässt sich die Aussage 2.5 m.E.n. nicht valide belegen.
    Richtig hart ist die Aussage 2.1: Die überwiegende Anzahl der „Männer“ üben Gewalt aus: in Deutschland gibt es ca. 39 Mio männliche Menschen, davon ca. 35,6 Mio über 10 Jahre. Davon sollen mindestens 20 Mio Gewalt ausüben? Dazu habe ich gar keine verlässlichen Zahlen gefunden, (Kriminalstatistiken scheinen mir zu eng, Fragen wie „Wer hat schon mal Gewalt erfahren?“ zu weit), auch das Stat. Bundesamt hilft nicht weiter. Aber: Die Autorin nennt (wie eben viele anderen Autoren) KEINE Basis, wie die Aussage 2.1 zustande kommen soll. Somit halte ich als Ergebnis fest: Die Aussage 2.1 ist bis zum Beweis des Gegnteils als falsch anzusehen. (Ich persönlich halte sie für sexistisch!). Als Beleg für 2.3 nennt die Autorin „Insgesamt haben 40% aller Frauen in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt. Das ist fast jede Zweite Frau.“ Das ist eine erschreckend hohe Zahl, aber nicht „überwiegend“. Somit ist 2.3 zumindest fragwürdig, d.h. sollte valide belegt werden, bevor sie widerholt wird.

    Fazit: Einige Menschen (als Täter) üben Gewalt aus gegen einige Menschen (als Opfer). Soviel ist gesichert. Wenn man den Gewaltbegriff weit fast (beginnend bei Anschreien oder Ignorieren (was in jeder menschlichen Beziehung auf die Dauer fast niemand aushält), dann ist Gewalt ein allgegenwärtiges menschliches Phänomen, dann ist (fast) jeder TäterIn und (fast) jeder OpferIn. Dann ist diese Aussage aber auch keine Erkenntnis mehr, sondern Allgemeinplatz.
    Wenn man es eng fast (direkte, physische Ausübung auf den Körper des anderen), dann trifft es Männer und Frauen, dann ist es legal (Polizei) und illegal; und dann bleibt als halbwegs gesicherte Erkenntnis: die überwiegende Anzahl der Täter sind Männer, aber die überwiegende Anzahl der Männer sind keine Täter. Dann sind Artikel wie dieser Stimmungsmache, weil sie einen ganz bestimmten Aspekt der Gewalt in den Vordergrund stellt und ihn für den allein relevanten erklärt und alle anderen für geradezu „nicht existent“. Dies sagt die Autorin auch in der Fußnote 1 so aus: „Gewalt in homosexuellen Beziehungen sie hier einmal außen vor gelassen, da es um die Gewalt von Männern gegen Frauen geht.“ Dann müsste der Artikel aber auch anders heißen und anders aufgezogen sein: „Betrachtung der Gewalt von Männern gegenüber Frauen.“ Dann ist klar, worauf die Autorin hinaus will. Dann müsste sie aber argumentieren, warum das ein gesellschaftlich relevantes Problem darstellt (ich finde andere Gewaltarten wichtiger, siehe dazu unten).
    Ein anschauliches Beispiel für bedingte Wahrscheinlichlichkeiten findet sich im Wikipedia-Artikel „Häusliche Gewalt“:
    Insgesamt Frauen Männer
    Opfer Mord und Totschlag in Dtl. gesamt 2.457 781 1.676
    davon in Partnerschaften gesamt 415 331 84
    [Daten aus der polizeilichen Kriminalstatistik 2015]
    Hieraus lassen sich folgende Aussagen ableiten, die so alle korrekt sind:
    1. Männer werden häufiger Opfer von tödlicher Gewalt als Frauen. [allgemeine, unbedingte Wahrscheinlichkeit]
    2. In Beziehungen werden Frauen häufiger Opfer von tödlicher Gewalt als Männer. [Bedingte Wahrscheinlichkeit]
    3. Die unbedingte Wahrscheinlichkeit, in Deutschland innerhalb eines Jahr Opfer von tödlicher Gewalt zu werden, liegt bei 1:32.000 (d.h. 31.999 werden es nicht).
    Diese Aussagen lassen sich nun (fast beliebig ) interpretieren:
    1. Männer sind viel schlechter dran. / Männer sind benachteiligt.
    2. Frauen sind viel schlechter dran. / Frauen sind nicht zufällig Opfer.
    3. Mord und Totschlag sind irrelevant.
    3. Ja – man muss nur in den richtigen Kreisen sein (z.B. organisierte Kriminalität, orientalische Familienclans, …), dann hat man eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden. Oder „Zum Glück trifft es ja mich nicht, ich bin ja kein … .“
    Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die – sehr leichte – Kunst dabei ist, die tatsächlichen Zahlen, die meine Aussage stören, wegzulassen. Oder den Gewaltbegriff so anzupassen, dass er meine Aussage unterstützt.

    Vier Nachträge:
    1. Was ist eigentlich ein Mann? Was eine Frau? In den linksalternativen Kreisen, in denen ich mich lange bewege, ist diese Frage nicht eindeutig bestimmt. Hier wird viel Wert darauf gelegt, zumindest sein soziales Geschlecht selber bestimmen zu können. Ist damit die (biologissche) Frau, die sich als sozialer Mann bestimmt, Opfer oder Täter? Und umgekehrt, kann ein (biologischer) Mann seine Täter-Eigenschaft so loswerden? Was ist mit denen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen? Somit ein weiteres Problem, welches sich auftut, wenn man erst die Schubladen definiert und dann den Menschen die Eigenschaften aufdrückt.
    2. In meiner Familie sind in den letzten drei Generatioen so ziemlich alle biol. Männer zum Kriegsdienst gezwungen worden; in Kriegszeiten ein tödliches Risiko (einige haben nicht überlebt!), in Friedenszeiten gibt es auch ungefährlichere Tätigkeiten. Zwei (inkl. meiner) haben den Kriegsdienst an der Waffe verweigert, mussten dies noch begründen und mussten dann Kriegsdienst ohne Waffe (auch „Zivildienst“ genannt) leisten; aber es bleibt eine Zwangsdienst, der dem Militärrecht unterworfen ist. Von den biol. Frauen: 0 (in Worten: keine).
    3. Von den gefährlichen Arbeitsunfällen treffen ca. 80% Männer, von den tödlichen um die 95%. Hier höre ich keinen öffenltichen Schrei nach Gleichberechtigung oder einer Kritik an der bestehenden Diskriminierung von Männern. Ich höre auch keine Frau fordern, dass Frauen mehr Mut beweisen und gefährliche Jobs regelrecht suchen sollen, mindestens so lange, bis die Quoten hier ausgeglichen sind.
    4. Zum Abschluss persönlich und gesellschaftlich in einem: mir als biol. Mann ist die hiesige Männerrolle verhasst: ich muss Hosen tragen und darf keine Röcke tragen (sozial betrachtet), im Job hochgeschlossene Anzüge, deren Hemden meinen Hals scheuern und die Schuhe mich schwitzen lassen. Als Kind sollte ich mich wehren und zurückschlagen, heulen und zu Mami laufen fanden weder meine Eltern gut, noch hat es das Ansehen bei Freunden gesteigert. Auf dem Fußballplatz und sonst in der Freizeit wurde mir „mangelnde Agressivität“ und „Durchsetzungswille“ vorgeworfen (und zwar von Männern und Frauen!); solange bis ich es gelernt habe. Aber noch heute fällt es mir schwer, das sozial angemessene Mass an Aggressivität zu zeigen: oft bin ich so nett, dass man mich nicht ernst nimmt und wenn ich poltere, dann schnell zu laut, so dass es sowohl Männer als auch Frauen abschreckt. Ich bin der Mann, den Frauen „nett“ finden – und ja, tatsächlich gehen sie nicht mit mir ins Bett. Ich bin zurückhaltend und versuche, im Flirt gegenüber Frauen nicht aufdringlich zu sein (könnte sie ja aus Versehen belästigen) und bis auf ein paar linksalternative Frauen, die Aktivsein als Programm haben, sprechen mich [die meisten] Frauen nicht an (das weiß ich deswegen, weil es mir öfters passiert ist, dass Frauen, die mich attraktiv fanden, nicht mich ansprachen, sondern eine gute Kumpelin, mit der ich in der Disco / … war: „Ist der Typ, mit dem Du da bist, zu haben?“). Vielleicht senden sie ja Signale, aber sie gehen eben nicht den nächsten Schritt. Da ich einen ziemlich „männlichen“ Körper habe, erwarten Frauen, die mich neu kennenlernen, oft ein besonders männliches Verhalten – wenn das kein erlebter Sexismus ist.
    Summa Summarum finde ich die Männerrolle scheiße; die Frauenrolle ist wohl nicht besser (in vielen Ländern auf der Welt wohl schlechter, da stimme ich der Autori und der WHO zu) . Wir sollten also die Rollen – und die Schubladen – abschaffen und Menschen Menschen sein lassen. Die meisten biol. Männer werden weiterhin auf biol. Frauen stehen und umgekehrt – aber alle anderen werden nicht mehr schief angesehen. Menschen tragen dann Röcke und / oder Hosen, lange und / oder kurze Haare, schminken sich oder nicht, lackieren sich die Fingernägel oder nicht, zeigen ihr Dekolleté oder sonstige Haut oder nicht und andere Menschen lästern dann nicht mehr, nur weil jemand sich nicht „geschlechtsadäquat“ verhält.
    Das wär´ mein Traum und ich bin mir sicher, dass es keine 500 Jahre mehr dauert, bis er Wirklichkeit wird …

    [1] Wenn ein Fehler vorliegt, bedeutet das nicht, dass das Gegenteil richtig ist! Es bedeutet nur, dass die fehlerhafte Aussage nicht stimmt und das weiter nach der richtigen Aussage gesucht werden muss. Mein Beitrag kann und will keine „richtige Aussage“ über Gewalt einer „Täter-“ „Gruppe“ gegenüber einer „Opfer-“ „Gruppe“ machen. Ich halte den Ansatz, erst Gruppen wie „Männer“ und „Frauen“ oder „Inländer“ und „Ausländer“ zu definieren und ihnen danach bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, grundsätzlich für nicht zielführend.

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